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Der Walberberger Sarkophag

Abb. 1: Die Grabungsleiterin, Frau Dr. Müssemeier, bei der Aufnahme der Funddaten zum Sarkophag.

Sensationeller und unerwarteter Fund bei Lehrgrabungen in Walberberg

In Walberberg wurden seit Anfang August 2009 wieder Lehrgrabungen durchgeführt, die das Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bonn als Gemeinschaftsprojekt mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland seit Jahren anbieten. Hier bekommen Studienanfänger des Bonner Instituts die Gelegenheit, ihr theoretisches Wissen um Ausgrabungstechniken in die Praxis umzusetzen. Dabei sind in den letzten Jahren bereits erstaunliche Funde gemacht worden, die weit über die üblichen Scherben hinausragen. So wurden im Jahre 2006 die ältesten Artefakte (fünf intakte römische Gläser und 34 Bronzemünzen) in zwei spätantiken Kindergräbern aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts entdeckt.
 

Abb. 2: An der Kopfwange ist ein leichter Riss zu erkennen.

In diesem Jahr konnte der Liste der unerwarteten Funde ein weiterer Höhepunkt hinzugefügt werden. Am 19. August 2009 kam im Grabungsfeld “Erwin” aus dem Lössboden ein steinernes Objekt zum Vorschein, das vor gut 1500 Jahren, also in der Spätantike, hier vergraben wurde.

Es handelt sich um einen Sarkophag aus Tuff, einem Gestein, das aus verfestigter Vulkanasche - dem körnigen Auswurfmaterial des Vulkans - besteht. Der Steinsarg hat eine Länge von 2,10 Metern, eine Breite von 0,80 Metern, eine Höhe von 0,80 Metern und war in einem optisch hervorragenden Zustand. Er wies lediglich zwei leichte Risse an einer Kopf- und einer Seitenwange auf, und der Sargdeckel war offensichtlich vor einiger Zeit von einem Pflug angeritzt worden. Alles in allem ein gut erhaltenes Exponat, dessen Gewicht aufgrund der Größe, des Gesteins und des eingeschwemmten Materials auf rund 4,5 Tonnen geschätzt wurde.

Die Archäologen gehen davon aus, dass es sich um einen Sarkophag aus der späten Römischen Kaiserzeit handelt, in dem möglicherweise der Hausherr oder die Hausherrin eines Gutshofes

Abb. 3: Der vollständig freigelegte Sarkophag wird von den Experten gesichert und für den Transport auf dem Lastkraftwagen vorbereitet. Auf den fragilen Zustand des Sarges gibt es keine sichtbaren Hinweise.

(villa rustica) beigesetzt worden war. Diese Person muss schon etwas besser betucht gewesen sein, denn diesen Tuffblock, aus dem der Sarkophag gemeißelt wurde, konnte man im Umfeld von Walberberg nicht finden.

Dieser Block stammt wahrscheinlich vom nördlichsten und mit seinem Alter von rund 500.000 Jahren zugleich jüngsten Vulkan unserer Region, dem Rodderberg bei Bonn. Den über 50 Meter tiefen, kreisrunden Krater mit seinen Hängen aus Tuff und Schlacke hatte man noch bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts als Steinbruch ausgebeutet. Er wurde 1927 unter Denkmalschutz gestellt und ist seitdem ein wichtiges geologisches Schutzgebiet im Grenzbereich der Stadt Bonn, des Rhein-Sieg-Kreises und des Kreises Ahrweiler. Aber über die Herkunft des Gesteins kann man eventuell nach der sachkundigen Auswertung der Funde mehr sagen.
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Abb. 4: Nach dem Absacken der Seitenwange gab auch der Deckel nach und brach in einzelne Teile.

Der Sarkophag wurde vollständig freigelegt. Doch bei den Bemühungen, den hohlen Tuffquader für den Transport auf dem Lastkraftwagen vorzubereiten, gab um 10:15 Uhr ein Teil der Seitenwange nach und brach in zwei Hälften. Das hatte zur Folge, dass auch der Deckel entlang der "Pflugwunde" nachgab und ebenfalls in mehrere Teile zerbrach.

Nun musste die Sachlage neu bewertet werden. Aber vor solchen Problemen stehen die Archäologen tagtäglich und hier konnte man erkennen, dass Fachleute am Werk waren. Die einzelnen Bruch- stücke wurden gesichert und kartiert. So wird es wahrscheinlich gelingen, den Tuffsarkophag wieder zusammenzusetzen. Nun bot sich aber auch die Möglichkeit, einen Blick ins Innere des Sarges zu werfen. Dieser war zu gut einem Drittel mit Lössschlamm gefüllt, der über die Jahrhunderte in den Totenschrein eingeschwemmt war. Hier haben die Archäologen noch viel Arbeit vor sich, bis sie den verfestigten Schlammblock vorbereitet und die eingeschlossenen

Abb. 5: Sorgfältig eingepackt und gesichert schwebt der Sarkophag am T-Träger zum bereitstehenden LKW.

Objekte freigelegt haben. An der Oberfläche war neben kleinen Knochenresten auch sehr dünnwandiges Glas zu er- kennen, das wahrscheinlich von einem zerbrochenen Becher oder einer Schale stammte.

Im Anschluss an die erste Sichtung wurden die losen Wangenteile entfernt und der Restblock in "Frischhaltefolie" eingewickelt. Zumindest sah dies so aus und einige Anwesende sprachen auch etwas defätistisch von "Römer in Aspik", als der Kran den Restsarkophag auf den Lastwagen hob. Aber es gibt eigentlich keinen Grund zur Schwarzseherei. Es ist insgesamt kein irreparabler Schaden an dem Objekt entstanden. Die Bruchstücke sind groß, können anhand der detaillierten Aufzeichnungen leicht zugeordnet werden und der Inhalt des Sarkophags ist unbeschädigt. Wenn der Bruch des Tuffmaterials schon nicht zu verhindern war, so geschah dies zumindest zu einem günstigen Zeitpunkt. Nur Minuten später hätte der Sarg am Haken des Kranes gehangen und wäre dann möglicherweise in filigrane Einzelteile zerbröselt und mit seinem Inhalt wahrscheinlich für immer verloren gewesen.
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Abb. 6: Das 21-köpfige Grabungs- und Sicherungsteam rund um Frau Dr. Müssemeier waren nach Abschluss der Bergungsarbeiten glücklich und geschafft.

Das Ausgrabungsteam um Frau Dr. Müssemeier hatte somit Glück im Unglück, und Walberberg ist um ein weiteres Puzzleteil aus seiner Geschichte reicher.

Der Sarkophag wurde ins Rheinische Landesmuseum in Bonn gebracht und soll dort in den nächsten Monaten untersucht und aufgearbeitet werden. Es werden sicherlich noch einige Geheimnisse im Lössschlamm des Sarges ruhen und wir können gespannt sein, was die Auswertungen dieses einzigartigen Fundes noch zu Tage bringen werden.

Walberberg, 19.08.2009

Ihr Heribert W. Keßler

 

   Ausgrabungen in und um Walberberg

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