Als Walberberg am Äquator lag:
400 Millionen Jahren Landschaftsgeschichte über das Vorgebirge zwischen Köln und Bonn
Schön wäre es, wir könnten 400 Millionen Jahre in der Zeit zurückreisen und von dort berichten, was an dieser Stelle der Erde geschah, an der heute Walberberg, Brühl und Bornheim liegen. Sie würden kein Vorgebirge vorfinden, keine Obstplantagen, nicht einmal das Rheinland, wie wir es kennen. Stattdessen stünden Sie an einem warmen Meer, nahe des Äquators. Wagen wir einen Rückblick auf das, was an diesem Ort geschah, lange bevor es unseren schönen Ort überhaupt gab.
Devon (vor 419,2 bis 358,9 Mio. Jahren)
Hitze am Äquator
Wir befinden uns vor rund 400 Millionen Jahren, im Erdzeitalter des Devon. Die Landmasse, die später einmal Mitteleuropa werden soll, liegt zu dieser Zeit nahe dem Äquator, ungefähr dort, wo heute Länder wie Kenia oder Ecuador liegen. Das mag erklären, warum sich das heutige, oft launische Rheinland-Wetter so anfühlt, als wolle es manchmal an diese tropische Vergangenheit erinnern. Tatsächlich war das Klima im Devon deutlich wärmer als heute, im Schnitt etwa sechs Grad, bei einem Kohlendioxidgehalt der Luft, der das Mehrfache des heutigen Wertes betrug. Es gab kaum Eis auf der Erde, dafür ein flaches, warmes Meer, in dem sich Sand, Schlamm und Kalk ablagerten und in dem sich ganze Riffe aus Korallen aufbauten.
Dieses Meer lag zwischen zwei großen Landmassen, im Norden Laurussia (auch Old-Red-Kontinent genannt) und im Süden Gondwana. Über viele Jahrmillionen näherten sich beide Kontinente an, bis sie im Karbon, vor etwa 320 Millionen Jahren, schließlich kollidierten. Wie eine Tischdecke, die man von zwei Seiten zusammenschiebt, wurde dabei der Meeresboden gefaltet und aufgetürmt. Es entstand ein hohes Gebirge, die variszische Orogenese. Von diesem einst stattlichen Gebirge blieb bis heute nur noch ein Rumpf, denn es wurde in den folgenden 300 Millionen Jahren fast vollständig abgetragen. Was übrig bleibt, ist das Rheinische Schiefergebirge, unter anderem mit der Eifel und dem Bergischen Land. Und tief im Untergrund, auch unter der Ville und dem Vorgebirge, liegen bis heute Schiefer, Sandsteine und Grauwacken aus dieser fernen Zeit.
Eine wichtige Unterscheidung, bevor es weitergeht
An dieser Stelle lohnt eine kurze Klarstellung, denn die Begriffe Ville und (rheinisches) Vorgebirge werden im Alltag oft synonym verwendet. Mit Ville, ein geologischer Halbhorst, bezeichnet man den gesamten Höhenzug, der sich von Bedburg im Norden bis südlich von Bonn erstreckt und maximal 205,8 Meter hoch wird. Das rheinische Vorgebirge dagegen ist nur der Osthang dieses Höhenzugs, jener Streifen, der von der Höhe der Ville zur Rheinebene hin abfällt, zwischen dem Bonner Stadtteil Duisdorf und dem Hürther Stadtteil Kendenich. Walberberg liegt mitten in diesem Streifen, auf einem Gelände, das von etwa 70 auf 140 Meter über NHN ansteigt. Beide Landschaften, Ville und Vorgebirge, haben denselben Untergrund, aber wie wir noch sehen werden, eine ganz unterschiedliche Geschichte bezüglich ihrer Oberflächenform.
Oligozän (vor 33,9 bis 23,03 Mio. Jahren)
Das Land beginnt zu sinken
Springen wir nun viele Jahrmillionen vorwärts, in das Paläogen, genauer in das Oligozän, vor etwa 30 Millionen Jahren. Das alte Schiefergebirge war zu diesem Zeitpunkt längst zu einem flachen Rumpf abgetragen, und Mitteleuropa lag inzwischen in gemäßigten Breiten, nicht mehr am Äquator. Was nun geschah, war kein Gebirgsbau mehr, sondern das Gegenteil: ein Einsinken. Nordwestlich des Schiefergebirges begann sich der Untergrund allmählich abzusenken, entlang von Bruchlinien, die man Verwerfungen nennt. An einer Verwerfung zerbricht das Gestein, und die beiden Seiten verschieben sich gegeneinander, die eine sinkt ab, die andere bleibt relativ stehen.
So entstand die Niederrheinische Bucht, ein Senkungsgebiet, in dessen Innerem sich seither mehr als tausend Meter Sedimente angesammelt haben. Die Bucht wurde dabei in mehrere große Schollen zerlegt, gewissermaßen unterschiedlich tief liegende Bretter: die Kölner Scholle im Osten, die Erftscholle im Westen. Die Grenze zwischen beiden bildet eine bedeutende Verwerfung, der Erftsprung. An ihr blieb ein schmaler Streifen Gestein stehen, während links und rechts davon das Land absackte. Dieser stehengebliebene Streifen ist die Ville. Nach Westen, zur Erft hin, ist diese alte Bruchkante bis heute als deutliche Stufe zu erkennen. Nach Osten dagegen, zur Rheinebene hin, wurde sie später von einem ganz anderen Akteur überarbeitet, doch dazu später mehr.
In ebendieser Senke, feuchtwarm und von zeitweiligen Vorstößen der Nordsee erreicht, entstanden ausgedehnte Moore. Ihre abgestorbenen Pflanzenreste zersetzten sich unter Wasser nicht vollständig, sondern wurden zu Torf, der unter dem Druck späterer Sand- und Tonauflagen zu Braunkohle wurde. Auf der Ville liegen diese Flöze bis heute relativ oberflächennah, weshalb dort früh Bergbau begann, während sie auf der tiefer abgesunkenen Erftscholle erst in mehreren hundert Metern Tiefe zu finden sind.
Der Ur-Rhein
Noch bevor unser heutiger Rhein überhaupt existierte, berichten Geologen von einem Vorläufer, dem Ur-Rhein. Schon im mittleren Miozän, vor etwa 15 Millionen Jahren, soll ein Fluss von der Gegend des heutigen Kaiserstuhls bei Freiburg bis in die Niederrheinische Bucht geflossen sein, deutlich kleiner als der heutige Rhein, da ihm damals noch das Wasser aus den Alpen fehlte. Lange Zeit war dieser frühe Fluss in unserer Gegend allerdings nicht der wichtigste Wasserlauf. Den größten Teil seiner Sedimentfracht lagerte er noch weiter südlich ab, während in der Niederrheinischen Bucht selbst zunächst vor allem ein Vorläufer der Mosel das Bild bestimmte.
Das änderte sich grundlegend erst im Quartär, also in den letzten rund 2,6 Millionen Jahren. Zu dieser Zeit war die heutige Hochfläche der Ville noch gar keine Anhöhe, sondern flaches Schwemmland, über das der nun deutlich kräftigere Rhein gemeinsam mit seinen Nebenflüssen seine Fracht aus Sand und Kies ausbreitete. Erst danach hob sich dieser Bereich, als Teil der Kölner Scholle, allmählich gegenüber dem westlich gelegenen, tiefer liegenden Teil der Niederrheinischen Bucht. Der Rhein begann sich daraufhin in sein eigenes altes Schwemmland einzuschneiden, und genau aus diesem Wechselspiel von Hebung und Einschneidung entstanden die Flussterrassen, treppenartig übereinanderliegende Flächen, die von alt nach jung als Hauptterrasse, Mittelterrasse und Niederterrasse bezeichnet werden. Die Kiese, die der Ur-Rhein und der junge Rhein dabei über die heutige Ville hinweg verteilten, finden sich bis heute im Untergrund von Vorgebirge und Kottenforst wieder, ein steinernes Zeugnis eines Flusses, der hier längst nicht mehr fließt.
Wer zurzeit des Ur-Rheins in unserer Region lebte
Was neben dem Ur-Rhein bei der Vorstellung dieser längst vergangenen Welt hilft, ist ein glücklicher Umstand: Der Tagebau Hambach, nur wenige Kilometer westlich von Walberberg, hat beim Abbau der Braunkohleflöze Zähne, Knochen, Pflanzenreste und Insekten aus genau dieser Zeit freigelegt. Die Wissenschaftler, die diese Funde ausgewertet haben, konnten damit ein erstaunlich detailliertes Bild der Welt rekonstruieren, die hier vor rund 16 Millionen Jahren existierte.
Das Klima war subtropisch bis warmgemäßigt, vergleichbar mit dem heutigen Südchina oder dem Süden der USA. Die Niederrheinische Bucht war ein ausgedehntes Küstenfeuchtgebiet, von Flüssen und Altarmen durchzogen, das gelegentlich von Vorstößen der Ur-Nordsee aus dem Norden erreicht wurde. Große Teile davon waren Schilf- und Grasmoore, in die sich Sumpfwälder aus Tupelobäumen, Sumpfzypressen und Sicheltannen einschoben, eine Vegetation, wie sie heute noch in den Feuchtgebieten am unteren Mississippi zu finden ist. Ginkgos und Mammutbäume wuchsen auf trockeneren Kuppen, und gelegentlich standen Palmen an den Ufern der Flussmündungen.
Die Tierwelt war eine Mischung aus Vertrautem und heute vollständig Verschwundenem. Das auffälligste Großtier war der Vierzahn-Elefant (Gomphotherium), drei Meter an der Schulter und mit Stoßzähnen sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer. Mehrere Nashornarten besiedelten die Uferbereiche, darunter ein hornloses Nashorn mit hauerförmigen Schneidezähnen. Das größte Raubtier war der Bärenhund (Amphicyon), mit bis zu zwei Metern Körperlänge ein Tier, dessen Lebensweise der heutigen Braunbären ähnlich gewesen sein dürfte.
Im und am Wasser lebten Krokodile der Gattung Diplocynodon, ein bis zwei Meter lang. Ihr Vorkommen ist für Paläoklimatologen ein zuverlässiges Signal: Krokodile können sich nur fortpflanzen, wenn die Durchschnittstemperatur des kältesten Monats über fünf Grad Celsius liegt. Riesensalamander von über einem Meter Länge und mindestens zwei Biberarten, darunter der kleine Steneofiber und der deutlich größere Anchitheriomys, teilen das Gewässer mit Haien und Walen, die gelegentlich aus der nahen Ur-Nordsee in die Flussmündungen vordrangen.
Besonders bemerkenswert ist ein Fund, der die Hambacher Fossilstätte zu einer der bedeutendsten in Europa macht: Pliopithecus, ein gibbonähnlicher Menschenaffe von bis zu 1,20 Metern Größe, der als Hangler auf Bäumen lebte. Die Funde aus dem Tagebau Hambach belegen den nördlichsten bekannten Nachweis dieser Tiergruppe in Europa überhaupt. Wir haben es also mit einer Welt zu tun, in der Menschenaffen durch die Baumkronen des Vorgebirges schwangen, in der Krokodile an Ufern lagen, an denen heute Spargel wächst, und in der Elefanten durch Sumpfwälder wateten, die dem heutigen Mississippi-Delta ähnelten.
Wie das Vorgebirge sein Gesicht bekam
Während die Ville selbst als ruhiger, breiter Rücken erscheint, berichten Geomorphologen von ihrem Osthang, dem Vorgebirge, als einer Landschaft, die durch rückschreitende Erosion außerordentlich stark aufgelöst und zerlappt ist. Gemeint ist damit Folgendes: In den Kaltzeiten des Quartärs flossen im Frühjahr große Mengen Schmelzwasser oberflächlich ab. Kleine Bäche gruben sich dabei, ausgehend von ihrer Mündung am Hangfuß, immer weiter rückwärts in den Hang ein, ein Vorgang, den man rückschreitende Erosion nennt. Über viele Jahrtausende wiederholt, entstand so eine kleinteilige Folge von Kuppen, Mulden und Taleinschnitten, ein Relief, das mit der ruhigen Form der eigentlichen tektonischen Bruchkante zur Erft hin kaum noch etwas gemein hat. Wer heute durch das Vorgebirge wandert, bewegt sich also durch eine Landschaft, deren grobe Anlage tektonisch verursacht, deren feines Relief aber das Werk unzähliger kleiner Bäche ist. Sechs solcher Einschnitte sind auch auf Walberberger Gebiet bis heute zu erkennen. Aber nur bei drei von ihnen ist ein Name eines Bachlaufes überliefert: Holzbach, Rastbach und Siebenbach.
Vom Winde verweht: Wie der Löss ans Vorgebirge kam
Eine letzte Zutat fehlt noch in diesem Bericht, und sie ist für das spätere Leben der Menschen an diesem Ort die wichtigste: der Löss. In den kalten, vegetationsarmen Phasen des Quartärs hatten starke Westwinde leichtes Spiel mit dem feinkörnigen Material der Schotterflächen. Sie wehten den Staub auf und lagerten ihn windgeschützt wieder ab. Das Vorgebirge liegt auf der windabgewandten Seite (Leelage) der Ville und bot damit ideale Bedingungen für eine besonders mächtige Lössablagerung, die auf der Hauptterrasse stellenweise bis zu sechs Meter erreicht. Löss ist außerordentlich fruchtbar, da er reich an Mineralien ist und gut Wasser speichert. Genau diese Bodengunst ist der eigentliche Grund, warum das Vorgebirge seit jeher intensiv landwirtschaftlich genutzt wird, von den Weinbergen, die hier bis ins 19. Jahrhundert die Hänge bedeckten, bis zum heutigen Obst- und Gemüseanbau. Dass dieser fruchtbare Boden schon früh Menschen anzog, belegen auch die zahlreichen Hügelgräber westlich und südwestlich von Brühl, wo bei archäologischen Ausgrabungen allein rund 80 Grabhügel aus der Vorzeit auf einer Nord-Süd-Ausdehnung von 4,5 Kilometern sichergestellt wurden. Auch in Walberberg sind um 1950 Grabhügel, nördlich des Siebenbaches, an der Villekuppe verortet worden. Eine wissenschaftliche Auswertung hierzu liegt aber bisher noch nicht vor. Ohne den Löss wäre diese dichte vorgeschichtliche Nutzung der Lössterrasse wahrscheinlich kaum denkbar gewesen.
Noch ein kurzer Blick in die jüngste Vergangenheit
Der Bericht über die Landschaftsveränderung am Vorgebirge endet nicht mit der letzten Kaltzeit. Im 19. und 20. Jahrhundert griff der Mensch erneut massiv in das über Jahrmillionen gewachsene Relief ein, namentlich durch den großflächigen Braunkohletagebau auf der Ville und der Erftscholle. Ganze Höhenzüge wurden dabei abgetragen und nach Ende der Förderung wieder aufgeschüttet und rekultiviert, sodass auch die jüngste Landschaftsgeschichte des Vorgebirges nicht mehr rein naturgeschichtlich, sondern zunehmend von menschlicher Gestaltung geprägt ist. Doch das ist Stoff für eine andere Geschichte.
Schlussbericht
Was bleibt am Ende unseres kurzen Rückblicks über 400 Millionen Jahre? Ein Ort, der einmal am Äquator lag und heute mitten im Rheinland liegt. Ein Gebirge, das einst aufgefaltet und dann fast restlos abgetragen wurde. Eine Senke, die entstand, als das Land an genau dieser Stelle nachgab. Ein Fluss, der Jahrmillionen brauchte, um zu seiner heutigen Kraft zu finden, und der dabei doch genug Kies über die Ville verteilte, um bis heute im Boden des Vorgebirges nachweisbar zu sein. Und schließlich der Wind, der den fruchtbaren Löss brachte, auf dem heute Spargel und Obst wachsen. Wer also künftig über die Felder bei Walberberg blickt, sieht damit eigentlich mehrere übereinandergelegte Zeitschichten gleichzeitig, von denen die älteste fast hundertmal so alt ist wie die Menschheit selbst.
Quellen: Geologischer Dienst NRW;
Wikipedia-Artikel „Brühl (Rheinland)“, „Geologie der Niederrheinischen Bucht“, „Ville (Rheinland)“, „Vorgebirge (Rheinland)“, „Walberberg“, „Rheinisches Schiefergebirge“, „Ur-Rhein“ und „Flusssystem des Rheins“;
Yoo, S.: Computergestützte Auswertung, Modellierung und Visualisierung quartärer Lagerungsverhältnisse (Dissertation, Universität zu Köln);
Stadt Köln, Fachinformation Grundwasser;
Erlebnispfad Pulheim, Stationstext zur Niederterrasse;
RWE Power: Klima im Spiegel der Tier- und Pflanzenwelt. Die Fossilfunde aus der rheinischen Braunkohle (Broschüre, o. J.);
Mörs, T. / von der Hocht, F. / Wutzler, B.: Die erste Wirbeltierfauna aus der miozänen Braunkohle der Niederrheinischen Bucht, in: Paläontologische Zeitschrift 74/1–2 (2000).
FHW-Archiv
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